LENAM – Labor für experimentelle, numerische und analytische Mechanik – ist ein rein tschechisches Ingenieur- und Entwicklungsunternehmen mit Sitz in Liberec. Seit mehr als 30 Jahren gehört es zu den führenden Unternehmen im Bereich der Simulationsmethoden und der experimentellen Mechanik. Über die Gründung des Unternehmens, warum virtuelle Methoden heute so wichtig und beliebt sind und wohin sich LENAM in Zukunft entwickeln wird, haben wir mit Radek Jelínek, dem Inhaber und geschäftsführenden Direktor des Unternehmens, gesprochen.
Herr Jelínek, LENAM blickt auf eine mehr als dreißigjährige Geschichte zurück. Wie ist das Unternehmen entstanden und wie sahen seine Anfänge aus?
Am Anfang waren wir fünf Hochschulmitarbeiter der Technischen Universität Liberec. Wir haben zusammen im Labor gearbeitet und wollten mit der Industrie kooperieren. Allerdings war es Anfang der 1990er Jahre an den Hochschulen noch nicht so einfach wie heute – die Zusammenarbeit mit Unternehmen war langsam und begrenzt. Wir wollten die Dinge anders angehen, vor allem schneller. Und so haben wir beschlossen, unsere eigene Firma zu gründen – LENAM.
Simulationsmethoden steckten noch in den Kinderschuhen, und die Hochschule war nicht bereit, in etwas zu investieren, das wir heute wohl als Technologiepark bezeichnen würden. Die Gründung einer Firma war für uns damals der einzige Weg, uns voll und ganz diesen Methoden zu widmen.
Woher haben Sie damals das Know-how bezogen, wo doch fast niemand Simulationsmethoden beherrschte?
Wir nutzten Software, die es schon damals gab, deren Einsatz in der Industrie jedoch noch nicht üblich war. Sie war teuer und nur wenige Menschen konnten mit ihr umgehen. Aber wir waren absolute Enthusiasten, hatten ein solides Fundament von der Hochschule und vor allem Lust, uns weiterzuentwickeln. Das Wissen und die Erfahrungen aus dem akademischen Umfeld waren für uns wichtig – und das gilt bis heute, wir schöpfen nach wie vor daraus.
Welche Meilensteine halten Sie in der Entwicklung des Unternehmens für entscheidend?
Die Anfänge waren sehr unkonventionell, wir haben lange Zeit nur zu fünft als Gründungsmitglieder gearbeitet und alles auf kollegialer Basis geregelt. Der Wendepunkt kam, als wir unseren ersten Mitarbeiter einstellten. Das war der Moment, in dem aus einer Gruppe von Enthusiasten ein echtes Unternehmen wurde – mit einer Struktur, Verantwortung und einer klaren Ausrichtung. Wir sind nach und nach gewachsen, sind mehrmals umgezogen, und vor allem hat sich gezeigt, dass unsere Dienstleistungen gefragt sind.
Unser erster Kunde war Škoda Auto, mit dem wir bis heute – mehr als 30 Jahre zusammenarbeiten. Das ist eine Beziehung, die wir sehr schätzen. Nach und nach kamen weitere Kunden hinzu, und wir begannen, uns neben dem klassischen Maschinenbau verstärkt auf große Kunststoffteile wie Armaturenbretter oder Stoßfänger zu konzentrieren. Ein wichtiger Meilenstein war das Jahr 2018, als das Unternehmen AUREL Gesellschafter von LENAM wurde und wir Teil der Colegium Holding wurden. Heute beschäftigt LENAM etwa 30 Mitarbeiter, und von den ursprünglichen Gründern sind in der Unternehmensleitung nur noch ich und mein Kollege, Dozent Potěšil, tätig.
Wie sieht Ihre Rolle des geschäftsführenden Direktors aus?
Da wir kein großes Unternehmen sind, kümmere ich mich um den allgemeinen Geschäftsbetrieb, bin aber gleichzeitig auch fachlich immer mit dabei. Und ich bin froh, dass ich weiterhin das tun kann, was mir Spaß macht – die Berechnungen und die technische Entwicklung leiten. Unsere Aufträge sind projektbezogen, daher leite ich auch bestimmte Projekte. Einige davon leitet mein Kollege Potěšil, der enger mit den Förderprojekten und der Universität Liberec verbunden ist, mit der wir bis heute zusammenarbeiten.
Die Abkürzung LENAM steht für „Labor für experimentelle, numerische und analytische Mechanik“. Womit beschäftigt sich das Unternehmen genau?
Vereinfacht gesagt widmen wir uns drei Hauptbereichen: Simulationsmethoden, dem experimentellen Labor und Energiedienstleistungen. Die Grundlage für alles sind für uns fortschrittliche Simulationsmethoden des Computer-Aided Engineering (CAE) und die virtuelle Produktentwicklung. Mithilfe präziser numerischer Analysen und simulationsgestützter Entwürfe unuterstützen wir Innovationen in einem breiten Spektrum technischer Disziplinen.
Simulationen müssen jedoch stets mit der Realität abgeglichen werden – deshalb verfügen wir über ein eigenes experimentelles Labor, in dem wir qualitativ hochwertige Eingabedaten für die Berechnungen gewinnen. Energiedienstleistungen kamen später als Reaktion auf die Bedürfnisse der tschechischen Industrie hinzu. Sie basieren jedoch auf derselben Grundlage – nämlich auf den Simulationen, die wir zur besseren Erfassung des aktuellen Zustands und zu Optimierungszwecken verwenden. Auch im Energiesektor tragen Simulationsmethoden dazu bei, Unternehmen erhebliche Energieeinsparungen und damit auch Kosteneinsparungen zu ermöglichen. Das war der Hauptgrund, warum wir diesen Bereich in unser Portfolio aufgenommen haben.

Wozu dienen CAE-Simulationen konkret?
CAE-Simulationen ermöglichen es, das Verhalten von Produkten, Konstruktionen oder Prozessen virtuell zu erforschen, und zwar noch vor ihrer physischen Herstellung. Dadurch verringert sich erheblich die Anzahl der physischen Tests, die Entwicklung wird beschleunigt und Kosten werden eingespart. Gleichzeitig ermöglichen sie, Tests zu ersetzen, die gefährlich, schwer durchführbar oder zu teuer sind.
Im Gegensatz zu Experimenten besteht der große Vorteil von Simulationen darin, dass sie Informationen über das gesamte Konstruktionsvolumen liefern. Ein Experiment zeigt Ihnen oft nur das Verhalten eines bestimmten Teils. Simulationen können somit die Funktionsweise des gesamten Mechanismus besser aufzeigen und auf die Entstehung potenzieller Störungen hinweisen. Bei LENAM beschäftigen wir uns mit mehreren Arten von Simulationen: strukturellen, Mehrkörpersimulationen (MBS) und multiphysikalischen Simulationen sowie mit CFD-Analysen
Was für eine Rolle spielt bei LENAM die Optimierung?
Optimierung ist für uns die wichtigste Disziplin. Wir konzentrieren uns auf die Steigerung der Effizienz, Festigkeit und Funktionalität von Bauteilen. Wir verwenden fortschrittliche Methoden, die auf genetischen Algorithmen, maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz basieren und es ermöglichen, auch bei sehr komplexen Aufgaben nach optimalen Lösungen zu suchen.
Warum ist für Sie ein eigenes experimentelles Labor so wichtig?
Bei strukturellen Berechnungen sage ich immer, dass sie nur so gut sind wie ihre Eingabedaten. Genau deshalb ist für uns das experimentelle Labor von entscheidender Bedeutung. Es erfüllt zwei Aufgaben. Die erste besteht aus Tests realer Komponenten, so können wir die Simulationsergebnisse mit der Realität vergleichen. Die zweite Aufgabe besteht im Test von Materialien, vor allem des polymeren Charakters von Kunststoffen. Ihre mechanischen Eigenschaften ändern sich erheblich in Abhängigkeit von der Temperatur, der Art und Geschwindigkeit der Belastung sowie der Herstellungstechnologie. Wenn wir qualitativ hochwertige und zuverlässige Simulationsmodelle erstellen wollen, benötigen wir qualitativ hochwertige Eingabedaten – und diese lassen sich ohne Experimente einfach nicht beschaffen.
In unserem Labor führen wir mechanische Tests und Materialtests durch, messen Verformungen, Temperaturen und Spannungen und testen die Materialeigenschaften. Gleichzeitig entwickeln und führen wir spezielle, genau auf die Kunden zugeschnittene Tests und Messungen durch – und zwar nicht nur in unserem Labor, sondern auch direkt in ihren Betrieben.

Wie viele ähnlich spezialisierte Unternehmen wie LENAM gibt es in Tschechien?
In Tschechien gibt es nur wenige derart hochspezialisierte Unternehmen. Und noch weniger von ihnen haben eine so lange Geschichte. Virtuelle Methoden waren Anfang der 1990er Jahre noch keineswegs verbreitet; sie kamen lediglich in der Luftfahrt, der Kernenergie, im Schwermaschinenbau oder in der Automobilindustrie zum Einsatz – also in Branchen, die sich dies leisten konnten und in denen sich die hohen Entwicklungskosten auf große Serien verteilten. Heute sind diese Methoden unvergleichbar leichter zugänglich und effizienter, weshalb sie auch von kleineren Unternehmen genutzt werden können.
Gilt es dennoch, dass Simulationen von Experten durchgeführt werden sollten?
Auf jeden Fall. Heutzutage sind Simulationsinstrumente ein fester Bestandteil gängiger CAD-Software und werden von fast jedem Unternehmen genutzt, das über eine eigene Entwicklungsabteilung verfügt. Die Methode ist an sich sehr leistungsfähig – doch der entscheidende Unterschied liegt darin, wer sie anwendet. Derjenige, der die Berechnung leitet, muss wissen, was er tut, und über entsprechende Erfahrung verfügen. Und das ist heutzutage in der Praxis nicht unbedingt üblich. Es kommt häufig vor, dass die Simulation von einem normalen Konstrukteur ohne tiefgreifende Erfahrung durchgeführt wird, was dann zu fehlerhaften Ergebnissen führt. Daher sollten Simulationen nur von Menschen und Unternehmen durchgeführt werden, die über die erforderliche Ausbildung, ein tiefgreifendes Verständnis der Methoden und langjährige praktische Erfahrung bei mehreren Kunden verfügen.
Und wie stellt LENAM sicher, dass es über derart gut ausgebildete und kompetente Mitarbeiter verfügt?
Wir setzen uns für Wachstum und gute Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiter ein – denn nur so können sie gute Leistungen erbringen. Der akademische Geist ist bei uns von Anfang an präsent, und wir betrachten die Weiterbildung als grundlegenden Bestandteil der Unternehmensführung. Wir ermöglichen unseren Mitarbeitern die Fortsetzung ihres Studiums, auch bis zum Doktorgrad. Wir hatten nie Bedenken, Menschen direkt nach der Schule einzustellen. Wir wissen, dass wir ihnen viel beibringen müssen, aber Fachkompetenz ist eine absolut wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren des Unternehmens. Das Wichtigste für uns ist, dass die Berechnungen stets in fachkundigen Händen liegen – man muss genau wissen, was man mit ihnen anfängt.
Wie stehen Sie zum Aufstieg der künstlichen Intelligenz? Befürchten Sie nicht, dass sie Ihre Methoden eines Tages ersetzt?
Wir schlafen ganz sicher nicht, sondern versuchen, sie zu unserem Vorteil zu nutzen. Künstliche Intelligenz kann die Berechnungszeit für bestimmte Aufgaben erheblich verkürzen. Aber ich hätte keine Angst, dass sie uns ersetzt. Entwicklungsaufgaben sind oft einzigartig und einmalig. Die KI benötigt eine große Anzahl ähnlicher Fälle, um lernen zu können. Sie wird also dort effizient sein, wo sich dieselbe Art der Berechnung wiederholt. Unsere Methoden werden ihr jedoch eher als Datenquelle dienen, als dass sie diese ersetzen würde.
Können Sie uns etwas Interessantes über die Zusammenarbeit mit der Colegium Holding und der Firma AUREL verraten, die seit 2018 Gesellschafter in Ihrem Unternehmen ist?
AUREL war unser Kunde, wir verstanden uns auf Anhieb, und nach und nach entwickelte sich daraus eine sehr natürliche Partnerschaft. Wir ergänzen uns perfekt – AUREL konzentriert sich auf Experimente und Tests, verfügt über ein eigenes Testzentrum, das AUREL Testgelände, und wir auf Simulationen und virtuelle Prüfungen. Für die Kunden ist das ein großer Vorteil, da sie eine komplette Lösung aus einer Hand erhalten. Gemeinsam beteiligen wir uns auch an der Entwicklung eigener innovativer Technologien, beispielsweise des Produkts TorqGuardPro.
Die Verbindung mit der Gesellschaft Colegium Holding schätzen wir sehr, da ein Großteil der Aufgabenbereiche gemeinsam ist. Es erspart uns viel Arbeit und hilft uns beispielsweise dabei, den Verwaltungsaufwand deutlich zu reduzieren. Sie hat uns auch bei den TISAX- und ISO-Zertifizierungen sehr geholfen, die für die Zusammenarbeit in der Automobilbranche unerlässlich sind.
Wer sind Ihre Kunden, und sind Sie auch im Ausland tätig?
Dank unserer langjährigen Zusammenarbeit mit Škoda Auto sind wir früher vor allem durch Weiterempfehlungen gewachsen. Die Zusammenarbeit mit AUREL und die Einbindung in die Colegium Holding haben uns jedoch den Weg ins Ausland geebnet. Wir nutzen gemeinsame Geschäftsaktivitäten und arbeiten gemeinsam an einer Reihe von Auslandsprojekten, darunter auch Kooperationen in der Luftfahrtindustrie. Heute arbeiten wir beispielsweise mit Kunden aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich und China zusammen.
In welche Richtung will sich LENAM in den nächsten Jahren entwickeln?
Wir wollen auch außerhalb der Automobilbranche expandieren. Wir arbeiten bereits heute mit Unternehmen aus Branchen wie der Lüftungstechnik und der Glasindustrie zusammen und ebnen uns auch den Weg in die Raumfahrtindustrie. Wir möchten die Zusammenarbeit im Energiebereich weiter ausbauen, da Energieeinsparungen ein gesamtgesellschaftliches Thema sind. Unsere Vision ist es auch, den Anwendungsbereich von Simulationsmethoden zu erweitern und diese stärker als Instrument zu fördern, das die gesamte tschechische Industrie voranbringen kann.
Ich wünsche Ihnen viel Glück und danke Ihnen für das Interview!


